Bäume erfreuen und mit Ihren unterschiedlichen Gestaltungsformen, die eindrucksvolle Blütenpracht einzelner Exemplare z.B. des Tulpenbaumes (Liquidendron tulpifera) oder des Taschentuchbaumes(Davidia involucrata) *, erzeugen manchmal ein Staunen, manchmal sind es auch unscheinbare Eigenschaften wie die Blattstruktur mancher Ahornarten oder die Rindenbeschaffenheit der Platane, deren äusserer Teil sich in warmen Sommerperioden ablöst und hellere Rindenpartien zum Vorschein bringt umd Ihren Stamm vor zu starker Sonneneinstrahlung zu schützen.
Alle diese Eigenschaften haben eines gemeinsam, Sie zeigen uns einen Teil des Baumes den wir betrachten und auch beobachten können, ein wesentlicher Teil des Baumes bleibt dem Beobachter erstmal verschlossen, dieser Bereich betrifft den unterirdischen Bereich, die Ausdehung dieses wichtigen Teiles des Baumes erreicht regelmässig die Kronenbreite und darüber hinaus.
Es handelt sich hierbei um den Wurzelraum. Die Ausdehnungen einer Buche im oberirdischen Teil können wir sehr gut optisch erfassen, anhand von Verzweigungstruktur, Belaubungsgrad, Höhe, Stammdicke, Alter ggf. vorhandenen Schadmerkmalen lassen sich Aussagen zum Gesundheitszustand und zur statischen Grundsicherheit treffen. Mit den Mitteln der Baumpflege kann auch bei einem nicht verkehrssicheren Baum die Verkehrssicherheit in den meisten Fällen hergestellt, sowie die zukünftige Entwicklung positiv am Standort beeinflusst werden.

Anders verhält es sich im Bereich des Wurzelraumes, dieser entzieht sich in der Regel den Augen des Betrachters, eine direkte Einsichtnahme bleibt in den meisten Fällen verwehrt und kann nur unter erheblichem Aufwand, welche oft mit einer Inkaufnahme von Beschädigungen einzelner Wurzeln oder ganzer Partien realisiert werden, dabei kann der Wurzelraum sogar die Kronenausdehnung übertreffen, es ist das grosse Netzwerk im Verborgenen welches dem Organismus Baum mit all dem versorgt was er zum Überleben braucht.
Das Wurzelsystem sorgt dafür, das unsere Bäume an Ihren natürlichen Standorten sprichwörtlich „sturmfest und erdverwachsen“ stehen und Niedersachsen diese Eigenschaft in unserem Niedersachsenlied in der Zeile: …“Fest wie uns’re Eichen halten alle Zeit wir stand…“ auch heute noch zu diversen Anlässen freudig und feierlich z.B. auf Schützenfesten besingen.
Ich möchte hier einmal einzelne Aspekte ausführen und aktuelle Wissensstände zusammenfassen um den interessierten Leser etwas in die Details des Wurzelsystemes einzuführen, beileibe erhebt dieser Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit, auch sind zur besseren Lesbarkeit einzelne Sachverhalte vereinfacht und nicht in der eigentlich gebührenden Tiefe erläutert.
Bäume verfügen über genetisch festgelegte Wurzelsysteme, Sie unterscheiden sich in 3 Wurzeltypen:
- flachwurzelnde Baumarten, wie die Fichte (Picae abies)
- herzförmig wurzelnde Baumarten, als Beispiel dienen hier die Ahörner (Acer spp.)
- Bäume mit einer Pfahlwurzel wie z.B. die Eiche (Quercus spp. )oder die Kiefer(Pinus spp.)

Allerdings in den urbanen Standorten unserer besiedelten Bereichen mit oft schwierigen Böden oder mangelndem Wurzelraum ist der Baum gezwungen sein Wurzelwachstum, an die Möglichkeiten des Standortes anzupassen, manchmal sind es Bodenverdichtungen, oder auch Fundamente, Barrieren, vielleicht auch ein besonderns nährstoffreicher Bereich, welcher Einfluss auf die Ausdehnung und den Umfang nehmen kann, hier endet also die idealisierte Vorstellung eines klaren Wurzeltypus, vielmehr als die phänotypische Veranlagung des Wurzelsystemes sind es die Faktoren:
-Bodenart
-Durchwurzelbarkeit
-Statik (also die Verankerung im Boden)
-Wasserverfügbarkeit
-Sauerstoff
-Nährstoffangebot
Sie entscheiden über die Ausprägung, die Tiefe, wie auch den Umfang des Wurzelgeflechtes.
Als einer der grösseren unterirdischen Hinternisse erweisen sich verdichtete Böden, Sie sind dadurch gekennzeichnet, das Sie einen gestörten Bodenlufthaushalt in Verbindung mit selten wenig, bis keinem pflanzenverfügbaren Wasseranteil aufweisen, die Durchwurzelbarkeit ist nicht gegeben, hinzukommen natürlich auch die Schwierigkeiten der Nährstoffgewinnung je nach Verdichtungsgrad ist in diesem Bodenbereich das Bodenleben (mangels Sauerstoff) zum Erliegen gekommen, so das hier auch keine Umwandlung / Einlagerung von Nährstoffen durch den Abbau von humosen Anteilen stattfinden kann.
Für den Baum sind solche Bereiche nicht erschliesbar und daher findet hier auch kein Wurzelwachstum statt, nachträglich verdichtete durchwurzelte Bodenbereich führen regelmässig zum Absterben von betroffenen Wurzeln, im späteren Verlauf mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zu einer Stockfäule (Wessoly & Erb 2009).
Grösse des Wurzelsystems:
Vereinfacht gesagt, bestehen Bäume rein oberirdisch betrachtet aus dem Wurzelansatz, dem Stamm und der Kronenstruktur.
Während der Stamm in seiner Funktion als statisch wirksames Element und Transportmedium, die Krone mit Ihren Blättern trägt, stellt dieser auch den Transport von Wasser und Mineralstoffen zur Krone, als auch von Nährstoffen zur Wurzel sicher, dieses wird durch 2 Bereiche sicher gestellt, es handelt sich hierbei zum einen um das Xylem, sowie durch das Pholem, welche mittels Leiterbahnen die Flüssigkeiten zur Krone oder von der Kronen transportieren und direkt hinter dem Kambium angeordnet sind.
Die Ausdehung des Wurzelsystems kann im urbanen Bereich anhand der vorangegangenden Bodenumfeldeigenschaften varieren.
Die Grösse des Wurzelsystems steht immer in Verbindung mit der dem Baum zur Verfügung stehenden Blattmaße, genauso wie ein Verlust der Wurzelmasse sich in der Kronenstruktur zwingend wiederspiegelt, so führt auch ein Verlust von Kronenpartien zu entsprechenden Umbildungen im Wurzelbereich.
Wurzeln können sich weit über die den Rand der Krone hin ausbreiten, Sie passen sich, wie auch der oberirdische Teil an die vorhandenen Gegebenheiten an.
Aufbau des Wurzelsystemes:
In der gängigen Literatur halten sich verschiedene Beschreibungen des Wurzelsystemes, eingehend finde ich die Bezeichnungen der Normierungsgremien, ich nutze hier die deshalb die Typisierung der FLL (Forschungsgesellschaft für Landschaftsbau, Landschaftsentwicklung e.V.)
Diese gliedern die Wurzeln nach Durchmesser und Funktion:
- Starkwurzeln
- Grobwurzeln
- Schwachwurzeln
- Feinwurzeln
Während die Wurzeln ab 2cm Durchmesser für den Transport und die Speicherung von Assimilaten aus der Krone i.R. Wurzelbereich, sowie den Transport von Wasser und Nährstoffen i.R. Krone, als auch die Verankerung des Baumes im Boden übernehmen, versuchen die Feinwurzeln Nährstoffe und Wasser aus dem Boden lösen und aufzunehmen.
Spannend ist hierbei, das viele Bäume bei dieser Aufgabe Hilfe bekommen, es handelt sich um das Mykorrhiza verschiedener Pilze, welche im Boden eine wichtige Rolle bei der Aufnahme von biologischen Humusanteilen spielen.
Das Myzel der Pilze durchzieht grosse Teile des Bodens, so denn die Bodenstruktur intakt ist, die Besonderheit bei dieser für beide Seiten gewinnbringenden Symbiose (Partnerschaft) ist die spezielle Verbindung zwischen dem Pilz, welcher sich physisch mit den Enden der Feinwurzel verbindet, der Pilz als Symbiosepartner erschliesst für den Baum Wasser und Nährstoffe und erhält im Gegenzug Kohlenhydratverbindungen.
Diese Partnerschaft geht soweit, das einige Bäume ohne Ihre natürlichen Mykorrhiza-Partner an einem Standort nicht oder nur sehr schwer existieren können, Veränderungen im Bodenumfeld, durch z.B. erhöhtem Stickstoffeintrag führen zu einer Störung dieser Symbiosepartnerschaft, oft sterben diese Symbionenten einfach ab, da sie sehr empfindlich auf Störungen des Bodenhaushaltes reagiren.
Nicht jeder Baum hat einen Mykorrhiza-Partner, aber die meisten europäischen Laub- und Nadelbäume haben mindestens einen oder auch mehrere Partner.
Die Europäische Lärche (Larix decidua) ist zum Beispiel mit dem Goldröhrling, unsere Kiefer (Pinus sylvestris) mit dem Edelreizker (Lactarius deliciosus), die Buche (Fagus sylvatica) unter anderen mit dem „Süßlicher Buchen-Milchling“ (Lactarius subdulcis) verbunden , die Fruchtkörper dieser Pilze sind übrigends ausgezeichnete Speisepilze.
Quintessenz:
Für eine ungestörte Entwicklung eines Baumes ist neben den Standort mit einem entsprechenden durchwurzelbaren Bodenbereich auch die Nährstoff- und Wasserverfügarkeit maßgeblich.

